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Mathe macht glücklich!

Prof. Dr. Albrecht Beutelspacher
Universität Gießen
MNU Zeitschrift 1/2008


Seit über fünf Jahren erlebe ich täglich, dass Hunderte von Menschen einen sehr unkomplizierten Zugang zur Mathematik finden. Im Mathematikum in Gießen werden die Besucher von den Exponaten angezogen, sie beginnen, mit diesen zu spielen, sie denken darüber nach, kommen mit anderen Besuchern ins Gespräch und verlassen nach oft stundenlangem Aufenthalt das Mathematikum glücklicher als sie es betreten haben.

Die Besucher legen Puzzles, sie experimentieren mit Seifenhäuten, sie bauen Brücken, sie entdecken an sich selbst den goldenen Schnitt, sie verzweifeln an Knobelspielen, oder genießen auch einfach die Schönheit mathematischer Kunstwerke, wie etwa der großen Kugelbahn.

Das Mathematikum kommt gut an. Menschen (fast) jeden Alters und Vorbildung haben Freude an den Exponaten. Ich sehe Grundschulkinder (zunehmend auch Vorschulkinder), Schülerinnen und Schüler der Mittel- und Oberstufe, Familien, Gruppen von Erwachsenen und Senioren; ich erlebe Menschen, die noch nicht lesen können, aufgeweckte Kinder und interessierte Jugendliche, Lehrerinnen und Lehrer, die sich fortbilden, Erwachsenen, die sich einfach mal etwas Schönes gönnen wollen, und Wissenschaftler, die im Mathematikum tagen. Wenn ich das Mathematikum betrete, höre ich schon von ferne die Kommunikation (manchmal auch den Lärm). Wenn ich näher komme, spüre ich die Konzentration der Besucher, wenn sie von einem Exponat „gepackt“ wurden, ich sehe die leuchtenden Augen in den Momenten, in denen es „klick“ macht und man merkt „so ist es, genau so passt es zusammen“. Und manchmal spielen sich fast rührende Szenen ab, wenn Besucher das Bedürfnis haben, sich auszusprechen und mir bekennen, dass sie jetzt einen Zugang zur Mathematik gefunden haben.

Übrigens höre ich zwei Fragen im Mathematikum praktisch nie: „Wozu kann ich das brauchen?“ und „Wo sind die Computer?“

Nun könnten Sie sagen: Das ist ja nur Spielerei. Mathematik ist auch ganz anders. Und der Mathematikunterricht hat ganz andere Anforderungen.

Das könnten Sie sagen, aber das spricht nicht gegen das Mathematikum. Das Mathematikum ist keine Schule, weder eine andere noch eine bessere. Es ersetzt auch nicht die Lektüre eines Buches, und auch nicht das dicke-Bretter-bohren im Mathematikstudium. Aber das Mathematikum bietet mindestens Dreierlei. Erstens ruft es bei den Besuchern Motivation, ja Begeisterung hervor. Zweitens erzeugt es eine große Nachhaltigkeit: die Besucher können noch Monate später die Exponate, mit denen sie sich intensiv beschäftigt haben, genau beschreiben – ohne sie vor sich zu haben. Und drittens zeigt es etwas Entscheidendes von Mathematik, nämlich, dass Mathematik mit Denken zu tun hat.

Seit Pythagoras heißt Mathematik: Durch eigenes scharfes Nachdenken etwas rauskriegen. Pythagoras und seine Schule haben vor 2500 Jahren entdeckt, dass man auch durch eigenes Nachdenken Erkenntnisse erzielen kann. Nicht nur, indem man die Götter fragt, nicht nur, indem man Eltern und Lehrer folgt, nicht nur, indem man die Natur beobachtet, sondern auch, indem man selbst nachdenkt.

Mathematik ist nicht Sprache. Die mathematische Sprache ist zwar außerordentlich wichtig, aber Mathematik fängt weit vor einer sprachlichen Formulierung, zumal vor formal-sprachlicher Durchdringung an.

Im Mathematikum haben wir und bewusst entschieden, nicht den Zugang über die mathematische Sprache zu wählen, sondern die Mathematik vom anderen Ende her zu öffnen: Ausgehend von eigenem Tun, eigenem Experimentieren und dem Beobachten kommen die Besucher zu Erkenntnissen. Sie sitzen lange vor einem Knobelspiel, sie bringen die beiden Teile nicht zu einer Pyramide zusammen – und dann plötzlich macht es „klick“, sie „sehen“ die Lösung, sie prägt sich als Bild ein. Schon die umgangssprachliche Formulierung ist ein echter, nichttrivialer Schritt, der danach kommt. Und darauf aufbauend kann dann eine formale Behandlung erfolgen. Letzteres kann das Medium „Ausstellung“ nicht leisten, es kann aber wohl den Grund dazu legen.

Natürlich ist Zugang wie ihn zum Beispiel das Mathematikum bietet, nur eine Tür zur Mathematik. Aber immerhin. Die Besucher machen einen ersten Schritt und die Mathematik und merken, wie spannend, ja wie aufregend die Wissenschaft Mathematik sein kann.

Viele Besucher empfinden diesen ersten Erkenntischritt als sehr befriedigend.

Viele geben sich damit zufrieden. Auch das ist gut. Das Mathematikum vermeidet jede echte oder scheinbare Überprüfung des Erfahrenen. Aber jeder Besucher merkt an sich selbst und durch die Beobachtung der anderen, dass sich in den Köpfen etwas tut, und zwar etwas, was man als positiv erlebt.
Es ist tatsächlich so: Die Besucher verlassen das Mathematikum glücklicher als sie es betreten haben!

Das Jahr 2008 ist das Jahr der Mathematik. Und „Jahr der Mathematik“ – das ist in gewissem Sinne auch ein deutschlandweites Mathematikum: Sie können Ausstellungen sehen, Vorträge hören, Präsentationen erleben, an Wettbewerbe teilnehmen und vieles andere mehr. Nutzen Sie diese Chancen!
Meine verwegene Hoffnung ist, dass all die Menschen, die im Jahr 2008 mit Mathematik in Berührung kommen, am Ende des Jahres glücklicher sind als zu Beginn – und zwar wegen der Mathematik!


Prof. Dr. Albrecht Beutelspacher
Universität Gießen

 
 
Prof. Dr. Albrecht Beutelspacher
Universität Gießen
 
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